Aus unseren Beständen (30/06/2026)
Antisemitische Zeichner als „unbeschriebene Blätter“. Von Emil Hübl und der herausfordernden Forschung zu den Urhebern visueller Antisemitika
Carl-Eric Linsler
Eines der größten Konvolute innerhalb der Sammlung Langerman besteht aus rund sechshundert Werken des Österreichers Emil Hübl. Es enthält Zeichnungen, Skizzen und Studien in unterschiedlichen Arbeitsstadien aus den 1910er-, 1920er- und frühen 1930er-Jahren, die sich vielfältigen Themen widmen: Einige haben einen militärischen Bezug, andere zielen auf politische, wirtschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Sujets. Gemein ist vielen von ihnen ihr antisemitischer Charakter. Bildsprache und Stil erinnern in verschiedener Hinsicht an die Karikaturen des Stürmer-Zeichners Philipp Rupprecht (Fips). Ihr Ausgangspunkt ist ein stark rassifiziertes charakteristisches Zerrbild, das Jüdinnen und Juden als verschlagen, abstoßend, unangenehm, lächerlich und von Grund auf „anders“ darstellt. Dieses wandte Hübl auf unterschiedlichste antisemitische Klischees an: So finden sich innerhalb des Konvoluts unter anderem Karikaturen von „jüdischen“ Bankiers und Spekulanten, Journalisten und Kulturschaffenden, Kommunisten und Immigranten, die infolge des Ersten Weltkriegs aus Galizien nach Wien flüchteten, sowie sexualisierte, dehumanisierende und zoomorphe Darstellungen.
Im Zuge von Archiv- und Zeitschriftenrecherchen konnten bislang rund 130 der Zeichnungen einem veröffentlichten Pendant zugewiesen werden.[1] Der überwiegende Großteil erschien – teilweise auch mehrfach, mit abgewandelter und an neue Kontexte angepasster Bildunterschrift – in der Wiener „Satirezeitschrift“ Kikeriki, die Jüdinnen und Juden für jedwede Probleme und Missstände verantwortlich machte, unaufhörlich aggressiv gegen sie hetzte, ab 1927 offen die nationalsozialistische Bewegung unterstützte und von 1932/33 bis zum Verbot der Partei in Österreich im Juni 1933 praktisch als NS-Parteizeitung fungierte.[2] Mit dem Konvolut Emil Hübl besitzt ALAVA damit eine umfangreiche Sammlung antisemitischer Zeichnungen eines einzelnen Künstlers aus drei Jahrzehnten; ein Œuvre, so scheint es, eines bedeutenden Berufsantisemiten, der mit dem Zeichnen judenfeindlicher Karikaturen seinen Lebensunterhalt verdiente.
Sucht man jedoch nach Informationen über Emil Hübl, ist das Ergebnis – wie hinsichtlich nahezu aller Urheber visueller Antisemitika – überaus ernüchternd. In biografischen Nachschlagewerken finden sich lediglich seine Lebensdaten und Angaben zu seinem Beruf als „Genremaler, Zeichner, Karikaturist und Illustrator“.[3] Im Internet und musealen Zusammenhängen liegen Hinweise auf viele Werke Hübls vor, allerdings werden hier insbesondere seine Arbeiten in der Werbe- und Gebrauchsgrafik, seine Karikaturen für diverse österreichische Zeitungen in den 1920er-Jahren, seine zahlreichen Illustrationen von Kinder- und Jugendbüchern, Comicheften und Wildwestgeschichten nach 1945 sowie die Zeichnungen aus seiner Militärzeit hervorgehoben.[4] Seine judenfeindlichen Karikaturen finden hingegen, wenn überhaupt, meist nur am Rande Erwähnung,[5] sodass es sich bei Hübl als antisemitischem Akteur um ein weitgehend „unbeschriebenes Blatt“ zu handeln scheint, dessen Leben und Werk näherer Untersuchung bedürfen.
Emil Franz Hübl wurde am 10. Juli 1890 in eine katholische Familie in Wien geboren und lebte hier durchgängig bis zu seinem Tod am 30. November 1969.[6] Sein Vater Franz Xaver Hübl stammte gebürtig aus Kuttendorf bei Liebeschitz (Chotiněves bei Liběšice), seine Mutter Emilie Kácovský aus Einsiedel im Isergebirge (Mníšek) – beides kleine nordböhmische Orte, die im 19. Jahrhundert wie der Rest der heutigen Tschechischen Republik zum Kaisertum Österreich bzw. Österreich-Ungarn gehörten.[7] Er besuchte die Realschule und schloss sie mit der Matura ab. Das Zeichnen erlernte er nach eigener Aussage in Kursen und Weiterbildungen bei den österreichischen Malern Josef Langl, Eugen Schroth, Hermann Heller und Ludwig Koch.[8] Seit 1911 war er zunächst bei Siemens Schuckert, ab 1912 als Beamter bei den Wiener Städtischen Straßenbahnen beschäftigt und dort gelegentlich mit zeichnerischen Arbeiten betraut. Im gleichen Zeitraum begann er, erste Zeichnungen für die illustrierte Presse anzufertigen.
Das Thema, das neben der Malerei den wahrscheinlich größten Stellenwert für Emil Hübl einnahm und den Gegenstand unzähliger seiner Zeichnungen bildete, war das Militär.[9] 1909 verpflichtete er sich als Einjährig-Freiwilliger beim prestigeträchtigen Wiener Infanterieregiment Hoch- und Deutschmeister Nr. 4, dem er sich viele Jahre lang verbunden fühlte. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde er bereits Ende August 1914 in der Nähe von Lemberg durch einen Oberschenkelsteckschuss und einen Leistendurchschuss schwer verwundet und verbrachte ein Jahr in einem russischen Kriegsgefangenenlager in Sibirien. Im Rahmen eines Invalidenaustauschs nach Wien zurückgekehrt, wurde er zunächst zum Dienst bei einem Bahnhofskommando in Triest und von dort als Kanzleioffizier zu einer Fliegerkompanie in Campoformido versetzt. Der Krieg prägte und zeichnete Emil Hübl deutlich: Er wurde mehrfach dekoriert und brachte es bis zum Rang eines Oberleutnants der Reserve, gleichzeitig machten ihn seine Verletzungen zu 55% invalid und hinterließen eine bleibende Gehbehinderung.
Nach Kriegsende arbeitete Hübl wieder für die Städtischen Straßenbahnen und übernahm ab 1921 den Aufbau und die künstlerische Leitung von deren Reklamebüro. Parallel dazu war er zwischen 1919 und 1923 beim Atelier des jüdischen Werbegrafikers Hans Neumann beschäftigt, das eines der größten und innovativsten im deutschsprachigen Raum war und innerhalb der Branche als Adresse ersten Ranges galt.[10] Zur gleichen Zeit reüssierte Hübl auf dem Gebiet der künstlerischen Gestaltung und war als Buchillustrator sowie „als humoristischer Zeichner in fast allen Tages- und Wochenblättern Wiens“ tätig.[11] Seine Arbeit für den oben genannten Kikeriki stach dabei als besonders intensiv heraus: Zwischen 1918 und 1932 lieferte er unter dem wortspielerischen Pseudonym D.A. HATMANS (abgekürzt D.A.H.) hunderte von Zeichnungen für das antisemitische Hetzblatt und war in fast jeder Ausgabe vertreten.[12] In den zahlreichen Periodika ohne antisemitische Tendenz, für die Hübl ebenfalls tätig war, zeichnete er hingegen häufig mit seinem Namen oder seinen Initialen.
Angesichts dieses breit gefächerten Œuvres und dieser konträren Arbeitgeber drängt sich die Frage auf: War Emil Hübl ein eingefleischter Antisemit und Überzeugungstäter, oder waren judenfeindliche Karikaturen „nur“ eines unter vielen Elementen in seinem Künstlerportfolio, die er anfertigte, weil es Bedarf für sie gab und sich damit Geld verdienen ließ?
Eine Antwort darauf können seine Zeichnungen aus den ALAVA-Beständen liefern. Eine Reihe von ihnen stammt aus seiner Militärzeit und offenbart tiefsitzende antisemitische Vorurteile, die seinerzeit – nicht nur – in Österreich weit verbreitet waren. „Jüdische“ Soldaten werden hämisch als unmännliche Feiglinge und Drückeberger verspottet.[13] Hübl zeichnete sie als körperlich unterlegene, missgestaltete und militärisch untaugliche Figuren und stellte damit nicht nur ihren Nutzen für die Armee, sondern – ausgehend von der Prämisse, dass Militärdienst und aktive Staatsbürgerschaft unmittelbar miteinander in Verbindung stehen – gewissermaßen auch ihre staatsbürgerliche Zugehörigkeit infrage.[14]
ALAVA – TU Berlin, Inventarnummer 05546
Hübls Zeichnungen aus dieser Zeit scheinen nicht für eine Veröffentlichung bestimmt gewesen zu sein, sondern seine persönliche Überzeugung widerzuspiegeln. Besonders evident ist dies in einem überlieferten Fragment eines Feldpostbriefs, den er am 5. Oktober 1917 aus Triest an seine Familie sandte und mit einer antisemitischen Karikatur „dekorierte“. Diese nimmt Bezug auf die Mär, Juden würden sich aus Feigheit in den medizinischen Bereichen des Militärs verstecken, um nicht an der Front kämpfen zu müssen. Durch den hämisch-ironischen begleitenden Reim insinuiert Hübl, dass es keine christlichen, sondern ausschließlich jüdische Regimentsärzte gebe und die Taufe des skizzierten Arztes nicht über seine jüdischen Wurzeln hinwegtäuschen könne. Die rassifizierende Bildsprache der Karikatur und die Nichtanerkennung der Taufe offenbaren dabei rassenantisemitische Vorurteile, denen zufolge „Jüdischsein“ unveränderbar und durch die Abstammung bestimmt sei.
In Anbetracht dieser Tatsachen mag es überraschen, dass Hübls Karriere in den 1930er- und frühen 1940er-Jahren nicht florierte. 1931 wurde er von den Städtischen Straßenbahnen aufgrund schwerer gesundheitlicher Beeinträchtigung als Folge seiner Kriegsverletzung mit gerade einmal 40 Jahren in den Ruhestand versetzt. Nachdem der Kikeriki im Juli 1933, kurz nach dem Verbot der NSDAP durch die Dollfuß-Regierung, sein Erscheinen einstellte, verdingte sich Hübl als Selbstständiger durch grafische Gelegenheitsarbeiten und war ab 1935 nach eigener Aussage fast ohne Beschäftigung.
Hübls Lage nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 und sein Verhältnis zum Nationalsozialismus lassen sich nicht ohne Ambivalenzen beurteilen. Einerseits attestierte ihm der Zellenleiter der zuständigen NSDAP-Ortsgruppe im Juli 1938, „schon lange Zeit als Anhänger unserer Bewegung bekannt“ gewesen zu sein, gegen den „in politischer Hinsicht nichts Nachteiliges bekannt“ sei.[15] Andererseits stufte ihn der Ortsgruppenleiter drei Jahre später in Übereinstimmung mit der Wiener Gestapo als „gegnerisch eingestellt“ und gar als „Judenfreund“ ein: Hübl habe die NSDAP bis 1933 unterstützt, sei mit dem Verbot aber schlagartig auf die Gegenseite umgeschwenkt.[16] Ein besonderer Dorn im Auge der NS-Behörden war eine Reihe von Karikaturen, die Hübl im Jahr 1933 zu der Broschüre „Nazi-Spiegel“ beigesteuert haben soll. Diese setzten sich satirisch-kritisch mit den Nationalsozialisten auseinander und brachten Hübl im August 1940 eine Anzeige wegen Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“ ein.[17] Darüber hinaus hatte Hübl anscheinend „erst über Aufforderung des Wohnungsamtes einer jüdischen Wohnpartei“ gekündigt und ihr „immer wieder Räumungsfristen“ zugestanden.[18]
Die einzige bislang bekannte Arbeit Hübls aus den Jahren 1938 bis 1945 ist eine Wandmalerei. Sie zeigt auf 3,5 x 1,3 Metern eine Gruppe von Rittern mit Lanzen, Schilden, Bannern und geschmückten Pferden – auf dem Schild des vordersten Ritters prangt ein Hakenkreuz.[19] Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab Hübl im Zuge seiner Aufnahme in die neu gegründete Genossenschaft Bildender Künstler Wiens an, „seit 1938 zufolge politischer Unverlässlichkeit aus der Publizistik ausgeschieden gewesen“ zu sein und sich ausschließlich seiner privaten Leidenschaft, der Pferdedarstellung, gewidmet zu haben.[20] Zwei Jahre später behauptete er gar, während der NS-Zeit wegen „Antinazipropaganda“ durch „alle Parteistellen“ künstlerisch unterdrückt worden zu sein.[21]
Eine abschließende Beurteilung Hübls ist ein schwieriges Unterfangen. Seine nicht zur Veröffentlichung bestimmten Karikaturen in den ALAVA-Beständen und seine lange, intensive Tätigkeit für den Kikeriki weisen ihn eindeutig als Antisemiten aus. Seine zeitweise parallel dazu laufende Beschäftigung beim Atelier Hans Neumann macht ihn zum Opportunisten, der Jüdinnen und Juden zwar ablehnte, aber geschäftlich mit ihnen verkehrte, wenn es ihm dienlich erschien. Ähnlich könnte sein Verhalten in den 1930er- und 1940er-Jahren beurteilt werden. Zunächst ein Unterstützer der Nationalsozialisten, schlug er sich nach deren Verbot auf die Seite ihrer Gegner. Ob er die NSDAP fortan tatsächlich politisch ablehnte oder schlicht ihren Groll auf sich gezogen hatte und zwangsläufig in dieser Rolle gefangen war, muss nach derzeitigem Wissensstand unbeantwortet bleiben. Nach Kriegsende verlor er jedenfalls keine Zeit, sich als Nazigegner und Unterdrückter darzustellen. Schlussendlich scheint Emil Hübl ein typischer Vertreter seiner Generation gewesen zu sein: ein antisemitischer Opportunist, der die politischen Lager wechselte, wann immer es förderlich für ihn war und für jede Seite arbeitete, solange sie ihn bezahlte.
[1] Ich danke meiner Kollegin Angela Siebert vielmals für ihre Unterstützung bei dieser mühsamen Identifizierungsarbeit.
[2] 1861 gegründet, war der Kikeriki in seiner Anfangszeit eher philosemitisch ausgerichtet, bis Ende der 1870er-Jahre erste judenfeindliche Artikel erschienen. Um die Jahrhundertwende wurde die Zeitschrift endgültig zu einem antisemitischen Blatt und verschärfte diese Rhetorik nach dem Ende des Ersten Weltkriegs noch einmal erheblich. Vgl. Philipp Rohrbach, Kikeriki (Österreich, 1861-1933), in: Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Bd. 6: Publikationen, hrsg. von Wolfgang Benz, Berlin 2013, S. 398-400, hier S. 399; Bernd Beutl, Die Metamorphose des Kikeriki! 1932/33, in: Medien & Zeit 13 (1998) 2, S. 40-43, hier S. 42.
[3] Heinrich Fuchs, Die österreichischen Maler der Geburtsjahrgänge 1881-1900. Bd. 1: A-L, Wien 1976, S. K 112.
[4] Vgl. exemplarisch Thomas Städeli, Emil Hübl, in: Cyranos – Collector’s Homepage Autogramme & Autographen“, https://cyranos.ch/cohueb-d.htm [abgerufen am 26. Januar 2026]. Die mit Abstand ausführlichste Thematisierung von Hübls Leben und Werk stammt von dem polnischen Sammler Artur Pałasiewicz, der 502 seiner Zeichnungen, überwiegend mit militärischen Motiven, zusammengetragen und im Herbst 2025 im Historischen Museum der Stadt Sanok in einer Ausstellung präsentiert hat. Pałasiewicz befasst sich mit dem Alltagsleben innerhalb der österreichisch-ungarischen Infanterie und schätzt Hübls Zeichnungen als Quellen, die „seinen humorvollen, oft ironischen und zuweilen schelmischen Blick auf das Militär“ widerspiegeln. Siehe Artur Pałasiewicz, Emil Hübl. Rysunki z kolekcji Artura Pałasiewicza [Emil Hübl. Zeichnungen aus der Sammlung Artur Pałasiewicz], in: Muzeum Historyczne w Sanoku (Hrsg.), Emil Hübl. Rysunki z kolekcji Artura Pałasiewicza [Broschüre zur gleichnamigen Ausstellung im Historischen Museum Sanok vom 6. September bis zum 19. Oktober 2025], Sanok 2025, o. S. Ich danke Artur Pałasiewicz vielmals für die Zusendung der Broschüre und den kollegialen Austausch.
[6] Dies geht aus den historischen Wiener Meldeunterlagen hervor. Schriftliche Mitteilung des Wiener Stadt- und Landesarchivs vom 16. August 2021.
[10] Siehe dazu ausführlich Peter Noever (Hrsg.), Hans Neumann. Pionier der Werbeagenturen [Katalog anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Wiener Museum für angewandte Kunst vom 18. Februar bis zum 10. Mai 2009], Wien 2009.
[11] Schreiben Hübls an die Genossenschaft Bildender Künstler Wiens vom 12. Mai 1945, in: Personalakt Hübl Emil. Für eine ausführliche Auflistung der Werke Hübls siehe Pałasiewicz, Emil Hübl.
[14] Zum Bildmotiv der vermeintlichen „jüdischen Untauglichkeit“ siehe Christoph Glorius, „Unbrauchbare Isidore, Manasse und Abrahams“. Juden in deutschen Militärkarikaturen, in: Helmut Gold/Georg Heuberger (Hrsg.), Abgestempelt. Judenfeindliche Postkarten. Auf der Grundlage der Sammlung Wolfgang Haney, Heidelberg 1999, S. 222-226.
[17] Vgl. ebd; vgl. auch Der Bundeskommissär für Propaganda (Hrsg.), Nazi-Spiegel, Wien o. J. [1933].
[18] Beurteilungsbogen der Gauleitung Wien vom 5. November 1941, in: Gauakt Hübl Emil.