Aus unseren Beständen (31/10/2025)
Der „Judenwitz“. Antisemitische Karikaturen auf britischen Comic-Postkarten
Zelig Dov
Am 8. August 1937 bearbeitete ein Postbeamter im britischen Badeort Blackpool eine Postkarte und sandte sie weiter an eine Adresse in einem der Außenbezirke von Birmingham. „Lieber Onkel“, schrieb der Absender, „ich habe eine wundervolle Zeit. Kam gegen ein Uhr an. Doug.“ Die routinemäßige Mitteilung erwähnte mit keinem Wort die antisemitische Karikatur auf der Vorderseite der Karte. Diese verspottet einen Vater und einen Sohn, die sich im Gespräch befinden. Beide Figuren sind mit übertriebenen Gesichtszügen gezeichnet – typische Stereotypen antisemitischer Darstellungen. Die große Hakennase des Vaters ist nur eines von vielen Merkmalen, die zeitgenössischen britischen Betrachter:innen die angebliche jüdische Identität der Figuren signalisierten. Die unförmigen und missgestalteten Körper beider Protagonisten sind ein weiteres. Auch die übertriebenen Gesten der Figuren, insbesondere mit ihren Händen, sollten ihren vermeintlichen jüdischen Hintergrund verdeutlichen.[1]
In ihrer Gesamtheit kennzeichnen diese karikaturhaften Züge zwei Individuen, die als außerhalb der britischen Gesellschaft stehend wahrgenommen wurden. Hinter dem auf den ersten Blick heiteren Charakter der Karikatur vermittelte die Postkarte eine klare Botschaft: Vater und Sohn unterscheiden sich allein ihrer jüdischen Identität wegen grundlegend vom Rest des Landes.[2] Das Thema der Ausgrenzung aus der britischen Gesellschaft kulminiert im begleitenden Dialog und der Pointe: „Ich habe den Job im Cricket-Pavillon bekommen, Papa!“, verkündet der Sohn in der Bildüberschrift. „Gut gemacht, Sohn!“, antwortet der Vater, zusätzlich stigmatisiert durch seinen potenziell jiddischen oder deutsch klingenden Akzent. „Wie hast du das gemacht?“ „Ich habe ihnen gesagt, ich heiße Jack Hobbs!“, antwortet der Sohn und formt damit den Familiennamen Jacobs – der in unterstrichenen roten Buchstaben auf der Ladenfront des Vaters zu sehen ist – in den eines berühmten britischen Cricketspielers um.
ALAVA – TU Berlin, Inventarnummer 01630
Die Geschichte des Antisemitismus in Großbritannien ist kompliziert und reicht viele Jahrhunderte zurück. Der judenfeindliche Topos der hier vorgestellten Postkarte hat seine Wurzeln im späten 19. Jahrhundert, als sich im Vereinigten Königreich eine Welle des Antisemitismus ausbreitete, die durch die Agitation gegen die schnell wachsende Zahl jüdischer Einwanderer – vor allem russischer und polnischer Jüdinnen und Juden, die vor Pogromen in ihren Heimatländern geflohen waren – ausgelöst wurde.[4] Die britische Gesellschaft, insbesondere Arbeiter und die untere Mittelschicht, fühlte sich aufgrund der Wirtschaftskrise um die Jahrhundertwende zusätzlich durch die wachsende jüdische Bevölkerung bedroht. Politische Parteien im ganzen Land gewannen an Zustimmung, indem sie Ängste vor unerwünschten jüdischen Einwanderern schürten, die angeblich das Land zu korrumpieren und britische Arbeiter zu ersetzen drohten.[5]
Der Anstieg des britischen Antisemitismus fiel zeitlich mit dem Aufschwung der Ansichtskarte zusammen. Die Ergänzung eines Bildes hatte der Postkarte, einem maßgeblichen und schnellen neuen Kommunikationsmittel, zusätzliche Attraktivität verliehen und führte zu einer lukrativen neuen Industrie und einer Vielzahl von Karten, die alle möglichen Facetten des Lebens darstellten – von Urlaubsbildern über internationale Ereignisse bis hin zu berühmten Persönlichkeiten –, einschließlich antisemitischer Karikaturen. Während antisemitische Postkarten auf dem europäischen Kontinent jedoch jedes erdenkliche Stereotyp aufgriffen, Juden für nahezu alle negativ wahrgenommenen Entwicklungen verantwortlich machten und in extremen Fällen ihre Vertreibung und Verfolgung forderten, präsentierten sich britische antisemitische Postkarten im Großen und Ganzen weniger aggressiv und wirkten im Vergleich fast „mild“. Sie setzten auf antijüdischen Spott. Als Humor getarnt, dabei jedoch unverhohlen ausgrenzend und verletzend, bildeten diese antisemitischen Karikaturen ein spezifisches Genre britischer Comic-Postkarten, die sich im Land großer Beliebtheit erfreuten.
Es ist daher kein Zufall, dass die britische Firma Bamforth & Co., einer der großen Produzenten von Comic-Postkarten im Vereinigten Königreich, in ALAVAs Sammlung antisemitischer Postkarten stark vertreten ist. Auch die hier thematisierte Karte wurde von Bamforth als Teil seiner „Comic“-Serie gedruckt und von Douglas Tempest, einem der langjährigen Künstler des Verlags, gestaltet.[6] Dass ein so erfahrener Zeichner mit der Anfertigung antijüdischer Karikaturen beauftragt wurde, lässt auf die Bedeutung dieser Postkarten für Bamforth schließen – und zugleich auf die offensichtliche Nachfrage des britischen Marktes danach.
In der Zusammenschau mit den hunderten weiteren britischen „humoristischen“ Postkarten innerhalb der ALAVA-Bestände und anderen Antisemitika-Sammlungen macht die hier vorgestellte Karte deutlich, wie tief antijüdische Stereotype in der britischen Kultur verwurzelt waren und entlarvt einen beiläufigen, als Humor getarnten Alltagsantisemitismus, der überdies auch daran erkennbar ist, dass der Absender die Karikatur allem Anschein nach für so normal erachtete, dass er sie in seiner Nachricht nicht einmal erwähnte.
Angesichts der Tatsache, dass Postkarten – sowohl antisemitische als auch nicht antisemitische – in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg den Höhepunkt ihrer Popularität erreichten, ist es bemerkenswert, dass die hier besprochene Karte erst 1937 verschickt wurde. Der Versand fällt in eine Zeit, in der in Großbritannien ein erneuter Anstieg des Antisemitismus infolge der politischen Agitation gegen den Zustrom jüdischer Einwanderer aus dem nationalsozialistischen Deutschland verzeichnet wurde.[7] In einem Artikel über britische Comic-Postkarten aus dem Jahr 1941 bemerkte der berühmte Schriftsteller George Orwell: „Ein Merkmal der letzten Jahre ist das völlige Fehlen antijüdischer Postkarten. Der ‚Judenwitz‘, der immer etwas bösartiger war als der ‚Schottenwitz‘, verschwand kurz nach Hitlers Aufstieg abrupt.“[8] Die hier besprochene Karte, die wie einige weitere aus den ALAVA-Beständen erst Jahre nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verschickt wurde, könnte einen Beweis für das Gegenteil liefern.
[1] Vgl. Salo Aizenberg, Hatemail. Anti-Semitism on Picture Postcards, Lincoln 2013, S. 16 f.
[2] Vgl. Elisabeth von Hagenow, Der Jude als Fremder. Antisemitische Postkarten in England und den USA, in: Helmut Gold/Georg Heuberger (Hrsg.), Abgestempelt. Judenfeindliche Postkarten. Auf der Grundlage der Sammlung Wolfgang Haney, Heidelberg 1999, S. 337-352, hier S. 337.
[6] Vgl. Anthony Byatt, Picture Postcards and Their Publishers. An Illustrated Account Identifying Britain’s Major Postcard Publishers 1894 to 1939 and the Great Variety of Cards they Issued, Malvern 1978, S. 37 f.
[7] Vgl. Colin Holmes, Anti-Semitism in British Society: 1876-1939, London 1979, S. 4.
[8] George Orwell, The Art of Donald McGill, in: Horizon, September 1941, https://www.orwellfoundation.com/the-orwell-foundation/orwell/essays-and-other-works/the-art-of-donald-mcgill/ [abgerufen am 16. Oktober 2025].
Zitation: Zelig Dov, Aus unseren Beständen: Der „Judenwitz“. Antisemitische Karikaturen auf britischen Comic-Postkarten, in: arthur-langerman-foundation.org, 31.10.2025, <https://arthur-langerman-foundation.org/aus-unseren-bestaenden-6/> [abgerufen am xx.yy.zzzz].