Aus unseren Beständen (31/12/2025)
Ein Bierkrug als antisemitisches Bekenntnis und propagandistischer Merchandise-Artikel
Elisabeth Kahnt/Carl-Eric Linsler
Die ALAVA-Bestände enthalten unterschiedlichste Gebrauchsgegenstände, die antisemitische Bildsprache aufweisen. Es sind verstörende Zeugnisse einer judenfeindlichen Alltagskultur, die als vergleichsweise wenig beachtete Quellengattung neue Erkenntnisse über die Verbreitung, Erscheinungsformen und Praktiken des Antisemitismus liefern können. So vielversprechend und faszinierend diese Objekte für die Antisemitismusforschung auch sind, so schwierig gestaltet sich allerdings ihre Verwendung als Quellen: Die Forschungslage ist dünn und über Urheber und Produktion, Vertrieb und Verbreitung sowie die konkrete praktische Nutzung ist bislang kaum etwas bekannt. Recherchen, die sich dieser Fragen annehmen, sind zeitaufwändig, kompliziert und nicht selten von Frust begleitet. Dass sie dennoch ein lohnenswertes Unterfangen sein können, soll der vorliegende Beitrag zeigen, der sich gleichzeitig als Plädoyer für eine verstärkte Auseinandersetzung mit antisemitischen Alltagsgegenständen versteht.
Einer dieser Gegenstände, ein judenfeindlicher Bierkrug aus Steinzeug und einem Fassungsvermögen von 0,5 Liter, ist in mindestens 13 weiteren Sammlungen – darunter sowohl private als auch institutionelle Kollektionen im In- und Ausland – enthalten und wird darüber hinaus regelmäßig auf Auktionswebsites für Antisemitika angeboten. Obgleich dies für eine hohe Auflage und weite Verbreitung des Krugs spricht, ist die Faktenlage hinsichtlich der oben genannten Fragen uneinheitlich, lückenhaft und in einigen Belangen spekulativ. Besser verhält es sich bezüglich der materiellen und stilistischen Aspekte des Krugs, der Bildmotive und ihrer historischen Kontextualisierung.[1]
Auf zwei parallel übereinander angelegten Bildfriesen sind insgesamt vier Szenen zu sehen. Der obere Fries wird eingeleitet durch den Boykottaufruf „Kauft nicht bei Juden“, darauf folgen drei Bildszenen, die den Zustand des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1893 aus antisemitischer Sicht schildern. Die ersten beiden stellen „die Juden“ als bösartige und raffgierige kapitalistische Ausbeuter dar, die sich an der harten Arbeit der einfachen Bauern und Handwerker bereichern und ihnen das Leben schwer machen. Die dritte Szene wirft „den Juden“ vor, „das deutsche Volk“ – personifiziert in der Figur des gutmütigen, schlafenden deutschen Michels – systematisch mittels der liberalen „jüdischen Presse“ zu blenden, um es zu berauben und in den Ruin zu treiben.
Der untere Bildfries zieht sich einmal um den gesamten Krug und zeigt unter einer aufgehenden Sonne mit der Inschrift „Heil 1910“ eine antisemitische Zukunftsfantasie: Der deutsche Michel ist erwacht und vertreibt „die Juden“ – die wie alle „jüdischen“ Figuren auf dem Krug die typischen verzerrten physiognomischen Züge antisemitischer Karikaturen aufweisen – mit bedrohlich erhobenem Knüppel in Richtung Osten „nach Jerusalem“, wo sie am Ende der Szene ankommen und einen „Tanz ums goldene Kalb“ vollziehen.
ALAVA – TU Berlin, Inventarnummer 08839
Der hohe Zinndeckel des Krugs schließlich stellt eine Besonderheit dar: In nahezu allen anderen Sammlungen befinden sich auf dem Deckel entweder die Porträts der antisemitischen Führungsfiguren und Reichstagsabgeordneten Max Liebermann von Sonnenberg (DSP) sowie Ludwig Werner, Wilhelm Pickenbach, Oswald Zimmermann und Otto Böckel (allesamt Antisemitische Volkspartei bzw. Deutsche Reformpartei) oder antisemitische Zitate. Der Deckel des bei ALAVA vorliegenden Exemplars weist hingegen lediglich dekorative Elemente auf.
Dümler erdachte die antisemitischen Motive jedoch nicht – oder zumindest nicht gänzlich – selbst, sondern verwendete Vorlagen. So entstammt die erste der vier Szenen mitsamt ihrem Begleittext „Dieser Pflug wär nicht so schwer wenn Aron, Jonas, Hirsch nicht wär“ einem 1890 vom völkisch-antisemitischen Politiker, Schriftsteller und Verleger Theodor Fritsch herausgegebenen Flugblatt, das für die im Jahr zuvor gegründete DSP warb.[7] Ein Bildelement der vierten Szene – der „Tanz ums goldene Kalb“ – ist hingegen dem antisemitischen „Politischen Bilderbogen Nr. 2: Juden in Deutschland“ entnommen, der 1892 vom Verlag der Druckerei Glöß in Dresden herausgegeben worden war.[8]
[1] Siehe hierzu Christel Köhle-Hezinger/Adelhart Zippelius, „Da ist der Michel aufgewacht und hat sie auf den Schub gebracht“. Zu zwei Zeugnissen antisemitischer „Volkskunst“, in: Zeitschrift für Volkskunde 84 (1988), S. 58-84 sowie Falk Wiesemann, Visual Illusions about Jews. The Finkelstein Collection of Antisemitica, Essen 2024, S. 188-191.
[2] Vgl. Werner Bergmann, König, Adolf, in: Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Bd. 2/1: Personen A-K, hrsg. von Wolfgang Benz, Berlin 2009, S. 432-433, hier S. 432.
[3] Siehe dazu ausführlich Peter G. J. Pulzer, Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867 bis 1914, Gütersloh 1966.
[4] Der langjährige Sammler und Gründer der „Beer Stein Libary“, Frank Loevi, datiert den Krug auf ca. 1892. Diese Datierung deckt sich mit der frühesten bekannten Erwähnung des Krugs in einer Zeitungsannonce vom 15. Januar 1893. Vgl. Frank Loevi, Collector’s Guide to Dümler & Breiden Beer Steins, in: Beer Stein Library, https://www.beerstein.net/articles/db-guide.asp [abgerufen am 15.07.2025]; Werbeannonce von Johann Korzilius, in: Deutsch-Soziale Blätter vom 15. Januar 1893, 8. Jg., Nr. 230, gesonderter Anzeigenteil, o. S.
[6] Vgl. die Zusammenstellung unterschiedlicher Signaturen Peter Dümlers auf der Website Stein Marks, https://www.steinmarks.co.uk/page?id=477 [abgerufen am 31.10.2025].
[7] Vgl. Flugblatt „Wie der Jude im Hessenlande ‚arbeitet‘“, hrsg. von Theodor Fritsch, Expedition der Deutsch-Sozialen Blätter in Leipzig, Leipzig o. J., Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Nachlass Adolf Stoecker, VI. HA, Nl Stoecker, A., Nr. 846. Der nationalsozialistische Historiker Günther Franz datierte dieses Flugblatt auf das Jahr 1890. Siehe Günther Franz, Germanenrechte. Neue Folge. Deutsches Bauerntum II. Neuzeit, Weimar 1939, S. 299. Bereits fünf Jahre zuvor war die Karikatur mit einigen kleinen Unterschieden auf der Bildebene und einem abweichenden Untertitel im antisemitischen Kehraus-Kalender für das Jahr 1885 erschienen. Auch diese frühere Fassung findet sich auf einem von Dümler & Breiden produzierten Krug. Vgl. Kehraus! Humoristisch-satirischer Volkskalender der Wahrheit für das Jahr 1885, Berlin o. J., S. 77; Antisemitischer Bierkrug „Dieser Pflug wär nicht so schwer wenn Levy Cohn und Schmul nicht wär“ der Firma Dümler & Breiden, Höhr am Rhein 1885, ALAVA – TU Berlin, Inventarnummer 07806.
[8] Vgl. ALAVA – TU Berlin, Inventarnummer 06828. Von diesem Bilderbogen scheint auch das zentrale Thema des Krugs zu stammen: die Forderung „Michel wach auf!“, die in der Kombination mit einer Hand, die einen Strick reicht, einem Aufruf zum Mord an den Juden gleichkommt.
[9] Vgl. Wiesemann, Visual Illusions, S. 186-203.
[10] Vgl. Katalog Dümler & Breiden, Steingutfabrik Höhr am Rhein (Germany), Neuwied o. J. [1904], Archiv des Keramikmuseums Westerwald, Höhr-Grenzhausen.