Aus unseren Beständen (31/03/2026)

„Treibt sie ins Meer!“ Zur Geschichte und Kontinuität eines zentralen antisemitischen (Bild-) Motivs im Kontext des Nahostkonflikts

Magnus Ott

Im Juli 1967,[1] wenige Wochen nachdem Israel im Sechstagekrieg die arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien besiegt hatte, veröffentlichte das Informationsbüro der israelischen Armee eine mehrsprachige Broschüre mit dem Titel “Israel Must Be Annihilated” („Israel muss vernichtet werden“). Sie erschien in Englisch, Französisch und Spanisch und richtete sich damit ausdrücklich an ein internationales, „westliches“ Publikum. Diesem sollte anhand von antisemitischen Karikaturen und Zitaten, die aus Medien unterschiedlicher arabischer Länder zusammengetragen waren und allesamt die Vernichtung Israels propagierten, die Notwendigkeit des erfolgreichen israelischen Präventivschlags als Mittel der Selbstverteidigung aufgezeigt werden.

Die Titelkarikatur, die auch im Innenteil der Broschüre abgedruckt ist, stammte aus der libanesischen Tageszeitung Al-Jarida, wo sie am 31. Mai 1967 erschienen war.[2] Sie zeigt eine mit zahlreichen visuellen antisemitischen Stereotypen als „jüdisch“ gekennzeichnete Figur: einen Mann mit überdimensioniertem Kopf, Hakennase, Schläfenlocken und verzerrtem Gesicht sowie unproportionierten Körperteilen. Er trägt einen Strandhut und einen altmodischen Badeanzug, der mit einem Davidstern markiert ist. Sein übergroßer Bauch steht im starken Kontrast zu den auffallend kurzen, dünnen Armen und Beinen. Die Kombination verleiht ihm einen lächerlichen, ängstlichen und dezidiert schwächlichen Charakter, was durch sein Zittern und Schwitzen unterstrichen wird.

Auszug aus “Israel Must Be Annihilated”, veröffentlicht vom Zahal Information Office, Tel Aviv 1967
ALAVA – TU Berlin, Inventarnummer 06936

Die Figur steht am äußersten Rand einer Klippe mit dem Rücken zum Meer. Sie ist unmittelbar konfrontiert mit acht auf sie gerichteten Kanonenrohren, auf denen die Namen verschiedener arabischer Staaten prangen: Libanon, Syrien, Irak, Jordanien, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Republik, Algerien und Sudan. Die Botschaft ist eindeutig: Der Mann ist eingekreist, es gibt kein Entrinnen. Der einzige ihm bleibende Ausweg führt über ein neben ihm angebrachtes Brett ins Meer – ein Bild, das vermutlich nicht unabsichtlich an das Plankengehen, eine Hinrichtungsform aus Piratenlegenden, erinnert.

Die Karikatur steht im Kontext der geopolitischen und militärischen Spannungen unmittelbar vor dem Sechstagekrieg. Zu dieser Zeit formierte sich mit den Beistandspakten zwischen Ägypten, Syrien, Jordanien und dem Irak ein breites arabisches Bündnis gegen Israel. Ägypten verlegte Truppen in den Sinai, forderte den Abzug der UN-Friedenstruppen, die nach dem Ende der Suez-Krise 1956 auf dem Sinai stationiert worden waren, um die ägyptisch-israelische Grenze zu überwachen und Kämpfe zu verhindern, und schnitt Israel durch die Sperrung der Straße von Tiran vom Roten Meer ab.[3] Gleichzeitig verschärfte der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser im Rahmen seines panarabischen Führungsanspruchs seine Rhetorik gegenüber Israel erheblich. Er bekundete seine Kriegsbereitschaft, sah keine Grundlage für eine Koexistenz mit Israel und propagierte einen arabischen Zusammenschluss gegen den jüdischen Staat.[4]

Auch im Libanon gewannen arabisch-nationalistische und zunehmend antisemitische Narrative seit den 1930er-Jahren an Einfluss.[5] Beides spiegelt sich deutlich in der Karikatur, deren Urheber bislang nicht zweifelsfrei identifiziert werden konnte, wider. Die Kanonen symbolisieren die angenommene Überlegenheit der vereinten arabischen Länder. Die Karikatur beschränkt sich allerdings nicht auf den imaginierten militärischen Erfolg über Israel: Die dargestellte Figur symbolisiert aufgrund ihrer stereotypen Darstellungsweise kollektiv „die Juden“. Sie ist nahezu nackt und wehrlos und wird unter Androhung von Gewalt ins Meer getrieben, was auf die Auslöschung der Jüdinnen und Juden in der Region und eine arabische Herrschaft über das israelische Staatsgebiet hinausläuft.

Die Karikatur steht in einer Traditionslinie antisemitischer Bildsprache und Narrative und ist von vielfältigen Einflüssen geprägt, die an die panarabisch-nationalistischen Diskurse und die politisch-militärische Gemengelage vor dem Sechstagekrieg angepasst wurden. Sie knüpft – etwa hinsichtlich der verzerrten Gesichtszüge und des deformierten Körpers der „jüdischen“ Figur – ikonografisch an europäische Vorbilder an, die seit dem späten 19. Jahrhundert über christliche Minderheiten und übersetzte Schriften in die arabische Welt gelangten.[6] Auch Einflüsse der nationalsozialistischen Propaganda, die gezielt auf die Verbreitung von Antisemitismus im arabischen Raum setzte und auch nach 1945 fortwirkte, sind auf der Bildebene anhand der Brutalität und des eliminatorischen Charakters deutlich erkennbar.[7]

Die Karikatur zeigt damit die Beständigkeit, Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit antisemitischer Bilder in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Das Motiv des schwachen, unterlegenen Juden ließ sich angesichts der wiederholten Niederlagen arabischer Staaten in militärischen Auseinandersetzungen mit Israel nicht konstant aufrechterhalten und wurde nur zu spezifischen Anlässen reaktiviert.[8] Das Motiv des „ins Meer Treibens“ hingegen blieb ein wichtiges Element israelbezogener antisemitischer Narrative und wirkt bis in die Gegenwart fort.

Seine aktuell bekannteste Erscheinungsform ist die Parole „From the River to the Sea“, häufig ergänzt um den Zusatz „Palestine will be free“. Sie nimmt Bezug auf die geografische Lage Israels zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer und impliziert die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung zugunsten eines „freien Palästinas“, was in scharfem Kontrast zur Idee einer friedlichen Koexistenz steht. Popularisiert von der Palestine Liberation Organization (PLO), wurde die Parole später von der islamistischen Terrororganisation Hamas aufgegriffen und 2017 in ihrem überarbeiteten Grundsatzpapier verankert.[9] Aktuell wird sie weltweit auf Palästina-Solidaritätsdemonstrationen skandiert. Durch ihren harmlos anmutenden, mehrdeutigen Charakter ist sie überaus anschlussfähig und trägt dazu bei, judenfeindliche Narrative in politisch heterogene Gruppen zu tragen.[10]

[1] Das Zitat im Titel ist dem 1987 in deutscher Übersetzung erschienenen Werk von Bernard Lewis, „Treibt sie ins Meer!“ Die Geschichte des Antisemitismus, Frankfurt am Main, entnommen.

[2] Vgl. Al-Jarida vom 31. Mai 1967, 15. Jg., Nr. 4440, S. 7. Al-Jarida wurde 1953 als arabischsprachige Schwesterzeitung von L’Orient, einer führenden französischsprachigen, intellektuellen, christlich-maronitisch geprägten bürgerlichen Tageszeitung im Libanon, gegründet. Sie erreichte anfänglich eine Auflage von rund 105.000 Exemplaren. Politisch übernahm sie zunächst die nicht parteigebundene Linie von L’Orient, brach jedoch mit dieser durch die offene Unterstützung von Präsident Fuad Chihab. Vgl. Nabil H. Dajani, The Press in Lebanon, in: Gazette 17 (1971) 3, S. 152-173, hier S. 163 f.

[3] Vgl. dazu ausführlich William Roger Louis/Avi Shlaim (Hrsg.), The 1967 Arab-Israeli War. Origins and Consequences, Cambridge 2012.

[4] Vgl. Laura M. James, Nasser at War, London 2006, S. 116 f.
[5] Vgl. Franck Salameh, Lebanese Jews between Rootedness and Exile: Braving World War II, the Holocaust, and their Aftermath, in: The Journal of the Middle East and Africa 7 (2016) 3, S. 301-320, hier S. 310-318.

[6] Vgl. Lewis, „Treibt sie ins Meer!“, S. 156-159.

[7] Der nationalsozialistische Propagandaapparat produzierte sowohl arabischsprachige Radiosendungen als auch Printmedien in millionenfacher Auflage und griff dabei auch auf visuelle Darstellungsformen wie antisemitische Karikaturen zurück, die in illustrierten Broschüren und Flugblättern verbreitet wurden. Vgl. dazu Jeffrey Herf, Nazi Propaganda for the Arab World, New Haven 2009, S. 114-136 sowie S. 160. Zur selben Zeit erschienen auch in der Türkei antisemitische Karikaturen in mehreren Zeitschriften. Mindestens eine von ihnen wies eindeutig eine nationalsozialistische Prägung auf, da unter anderem Karikaturen aus dem Stürmer übernommen und an die türkische Leserschaft angepasst worden waren. Vgl. Hatice Bayraktar, Salamon und Rabeka. Judenstereotype in Karikaturen der türkischen Zeitschriften Akbaba, Karikatür und Milli Inkilap 1933-1945, Berlin 2006. Der nationalsozialistische Einfluss auf die islamisch-arabische Welt endete nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der NS-Propagandist Johann von Leers fand beispielsweise 1956 in Ägypten Zuflucht und beteiligte sich an staatlicher antizionistischer Propaganda unter Präsident Nasser. Vgl. Martin Finkenberger, Johann von Leers 1902-1965. Propagandist im Dienste von Hitler, Perón und Nasser, Göttingen 2023, S. 635 f. und S. 666 f.

[8] In der arabischen antisemitischen Propaganda dominieren im Allgemeinen Bilder, die „die Juden“ als übermächtige, gewissenlose Verschwörer inszenieren, die mit dem Teufel oder anderen obskuren Mächten im Bunde sind und die Geschicke der Welt lenken. Vgl. dazu auch Joël Kotek, Cartoons and Extremism. Israel and the Jews in Arab and Western Media, Edgware 2009, S. 35 f.

[9] Vgl. Chloé Vincent/Matthew Bolton/Hagen Troschke, Denial of Israel’s Right to Exist, in: Matthias J. Becker/Hagen Troschke/Matthew Bolton/Alexis Chapelan (Hrsg.), Decoding Antisemitism. A Guide to Identifying Antisemitism Online, Cham 2024, S. 447-457, hier S. 450 f; Woodrow Wilson International Center for Scholars, Doctrine of Hamas, online veröffentlicht am 20. Oktober 2023, https://www.wilsoncenter.org/article/doctrine-hamas [abgerufen am 13.01.2026].

[10] Je nach Auslegung lässt sich die Parole etwa auch als allgemeiner Ruf nach Freiheit und Gleichberechtigung interpretieren. Vgl. Amos Goldberg/Alon Confino, From the River to the Sea gibt’s viel Raum für Interpretationen, in: Geschichte der Gegenwart, online veröffentlicht am 31. Januar 2024, https://geschichtedergegenwart.ch/from-the-river-to-the-sea-gibts-viel-raum-fuer-interpretationen/ [abgerufen am 09.10.2025].

Zitation: Magnus Ott, Aus unseren Beständen: „Treibt sie ins Meer!“ Zur Geschichte und Kontinuität eines zentralen antisemitischen (Bild-) Motivs im Kontext des Nahostkonflikts, in: arthur-langerman-foundation.org, 31.03.2026, [abgerufen am xx.yy.zzzz].