Die Sammlung Langerman

Die von Arthur Langerman über nahezu 60 Jahre auf Flohmärkten, Messen, Auktionen und im Internet zusammengetragene Kollektion visueller Antisemitika umfasst über 3500 Postkarten, über Tausend handgezeichnete Skizzen, mehrere Hundert Plakate, Flugblätter und Flugschriften, etliche illustrierte Bücher, Zeitungen und Zeitschriften sowie eine Vielzahl von Gemälden, Stichen, Zeichnungen, Skulpturen und Alltagsgegenständen.

Neben ihrem Umfang und ihrer medialen Vielfältigkeit zeichnet sich die Sammlung durch ihre überaus breite regionale und historische Fächerung aus. Die aktuell 8100 visuellen Antisemitika stammen aus Europa, den USA sowie dem Mittleren Osten und lassen sich auf den Zeitraum vom 17. bis zum 21. Jahrhundert datieren.

Ausschnitt aus der Sammlung Langerman an ihrem früheren Standort in Brüssel, 2019

Innerhalb der Sammlung finden sich beispielsweise:

  • Ölgemälde aus West- und Mitteleuropa aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert, die Ritualmordszenen oder „schachernde Juden“ darstellen,
  • illustrierte Zeitschriften, Flugblätter und Plakate, die Alfred Dreyfus und die Juden Frankreichs diffamieren,
  • gelaufene und ungelaufene Postkarten aus ganz Europa, Nordafrika und Nordamerika des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, deren Motive und Beschriftungen Juden verspotten und verhöhnen,
  • judenfeindliche Alltagsgegenstände wie Spazierstöcke, Tabakpfeifen, Geschirr, Krüge und Nippesfiguren,
  • illustrierte antisemitische Propagandamachwerke verschiedener völkischer und nationalistischer Gruppierungen,
  • Kinderbücher, die zum Erkennen vermeintlicher körperlicher Besonderheiten und zum Hass auf Juden erziehen,
  • anti-jüdische Plakate, illustrierte Schriften und Druckwerke unterschiedlicher Propagandakampagnen aus dem nationalsozialistischen Deutschland,
  • Plakate antisemitischer Organisationen aus Belgien und Frankreich, aus den Niederlanden, Polen, Serbien, Ungarn, Russland und der Ukraine, die mit der NS-Besatzungsherrschaft kollaborierten oder sympathisierten,
  • judenfeindliche Plakate aus dem Iran, die den Holocaust leugnen und den israelischen Staat dämonisieren,
  • mehrere größere Sonderbestände, die spezifischen Zeichnern oder Propagandakampagnen zuzurechnen sind.

Ein visuelles Archiv der Geschichte der Judenfeindschaft

In den Artefakten wird das visuelle Repertoire des Antisemitismus in seiner ganzen Widersprüchlichkeit, Boshaftigkeit und seiner diffamierenden Absicht sichtbar. Juden und Jüdinnen werden als bettelarme Lumpenhändler oder kapitalistische Bonzen, als bolschewistische oder US-amerikanische Agenten, als Drückeberger, mächtige Weltverschwörer, als lüsterne Kinder- und Frauenschänder, als gefährliche Tiere, Ungeziefer und Krankheitserreger dargestellt. Die Motive rekurrieren auf den christlichen Antijudaismus, die kulturell und sozial begründete Judenfeindschaft, den modernen, biologistisch argumentierenden Rassenantisemitismus, der in den nationalsozialistischen Judenmord mündete, sowie den israelbezogenen Antisemitismus.

Arthur Langermans Archiv stellt in seiner Gesamtheit ein entsetzliches und unleugbares Zeugnis der internationalen Verbreitung, Persistenz und Anpassungsfähigkeit des Judenhasses dar. Damit bietet es für die historische Bildungs-, Präventions- und Erinnerungsarbeit einen Quellenfundus mit einzigartigem Potenzial. 

Wenn man diese Bilder sieht, versteht man die Geschichte und die ganze Dimension des Hasses auf eine andere, direktere Weise. Für mich war bereits sehr früh klar, dass in diesen Bildern eine der zentralen Erklärungen der Shoah liegt.

Arthur Langerman mit einem Gemälde des Malers Jean-Pierre Dequène, 2017

Für die Antisemitismusforschung bietet die Sammlung Langerman einen umfangreichen Korpus an Quellen, die lange vernachlässigt wurden. Dadurch lassen sich innovative Forschungsansätze entwickeln, die neue Erkenntnisse über die Geschichte, Verbreitung und Funktion judenfeindlicher Darstellungen erwarten lassen. Anhand der teils über Jahrhunderte tradierten Motive lässt sich beispielsweise nachzeichnen, wie sich diese im Laufe der Zeit veränderten, wie sie an unterschiedliche historische, regionale und kulturelle Kontexte angepasst wurden und sich dabei hartnäckig bis heute halten konnten. Aufgrund ihrer regionalen Breite bietet die Sammlung zudem einerseits Material für orts- und landesspezifische Untersuchungen, während sie andererseits eine Quellenbasis für Studien über länderübergreifende Zirkulation, Bildwanderungen und Verbreitungsmechanismen des Antisemitismus darstellt. Darüber hinaus sind hier Einblicke in die Entstehungs-, Produktions- und Steuerungsmechanismen antisemitischer Bildpropaganda sowie neue Erkenntnisse über die Funktionsweise visueller Stereotypisierungs-, Diskriminierungs- und Exklusionsprozesse zu erhoffen. Eng damit verbunden sind die Fragen, welche Rolle visuelle Darstellungen bei der Vorbereitung und Akzeptanz von judenfeindlichen Gewalttaten spielen und wie Erkenntnisse hierüber für die Prävention, Früherkennung und Sanktionierung nutzbar gemacht werden können.

Nach Abschluss der Digitalisierung, Erschließung und Klassifizierung wird die Sammlung Langerman in den neuen Räumen des Zentrums für Antisemitismusforschung in der Kaiserin-Augusta-Allee in Berlin-Moabit für Forschungs-, Bildungs- und Ausstellungszwecke zur Verfügung stehen.

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